Die BöhmKobayashi Encyclopädie

Die Böhm-Encyclopädie Christiane Stahl photography now, 2/2010 Nichts Geringeres als eine Enzyklopädie sollte es sein, die Ausgabe #37b der mittlerweile legendären Foto-Fanzine Die Böhm, die das Düsseldorfer Künstlerpaar Katja Stuke und Oliver Sieber seit nunmehr elf Jahren herausgeben. Eine Enzyklopädie! Mit diesem Begriff assoziiert man geläufig vielbändige, großformatige und teure Folianten, die viel Platz fordern und nur sporadisch konsultiert werden. Aber wer die Böhm kennt, durfte schon im Vorfeld der Ankündigung einen ebenso selbstbewussten wie selbstironischen Umgang mit dieser Publikationsform erwarten. Das Ergebnis ist keine verfrühte, retrospektive Selbstbeweihräucherung der 42 und 44 Jahre jungen Künstler. Vielmehr handelt es sich um die logische Fortsetzung ihrer diversifizierten Arbeitsweise, die sich, von unerschöpflich kreativen und blitzgescheiten Ideen getragen, durch ungewöhnliche Strategien der Kommunikation und Wahrnehmungsverschiebung auszeichnet. Angesichts ihrer im Organigramm auf S. 180/181 verbildlichten vielfältigen Aktivitäten wie Böhm-releasepartys an Nicht-Kunstorten oder der Einrichtung einer Internetgalerie für die Künstlerfreunde ist es sinnvoll, enzyklopädisch zu denken. Nicht umsonst erhalten Begriffe wie „Kommunikation“ oder „Internet“ einen eigenen Eintrag. Man mag glauben zu wissen was das ist, aber von dieser Warte aus betrachtet erhält das Wesen von networking ganz neue Facetten. Im Erscheinungsbild kommt diese Veröffentlichung in geringer Auflage genauso unprätentiös daher wie das Vorhaben ambitiös erscheint. Sie ist kleiner als ein Taschenbuch, auf hellblau und gelb alternierendem, dünnen Papier gedruckt und wiegt nur 200g – ein Format, das dem des roten Straßenplans von Paris ähnelt, in jede Handtasche passt und zur täglichen Benutzung einlädt. So wird die Gebrauchsweise spielerisch vorgeschlagen. Wie der in knalligen Farben gestaltete Einband informiert, darf man von dieser „Enzyklopädie“ die universale Erfassung eines ganzen, allerdings vordergründig persönlichen Kosmos erwarten. Das Buch will „eine unvollständige, assoziative, multilinguale Collage“ sein, die in alphabetischer Folge all das umfasst, was für die beiden Künstler relevant ist: Dinge die sie machten, Orte die sie besuchten, Projekte die sie unternahmen, Filme, Bücher und Musik die sie lieben, Künstler die sie bewundern und Leute, die mit der Böhm verknüpft sind. Das klingt erstmal trocken oder langweilig, ist es aber nicht. Die Artikel sind, wenngleich etwas zu eilig lektoriert, auf das Wesentliche konzentrierte, spannend zu lesende Zitate renommierter Fotokenner, aus dem Internet geschöpfte, kompakte Zusammenfassungen oder subjektiv geprägte Einblicke. Man hört nicht auf zu lesen, den Verweisen auf andere Einträge zu folgen, nach vorn und hinten zu blättern und wird schnell gewahr, dass vieles nicht allein für das böhmsche Universum, sondern für die gesamte zeitgenössische Fotografieproduktion zentral erscheint. Nach kurzer Zeit schon fügt sich alles zu einer großen Einsicht über die aktuellen Produktionszusammenhänge und ist man mittendrin in der Beschreibung einer Fotoszene, die ihre Nase vorn hat. Und die ihre Wurzeln benennt. In alphabetischer Reihenfolge. Christiane Stahl, Berlin, 13.3.2010