Vorwort von Katja Stuke & Oliver Sieber (2022)
Die Neue Seidenstraße endet in Duisburg. Seit 2014 kommen regelmäßig Güterzüge aus China im Ruhrgebiet an. Mittlerweile (2021) sind es bis zu 60 Züge in der Woche – sie bringen neben Elektroartikeln auch Lebensmittel, Grabsteine, Mode, Toilettenpapier, Corona-Schutzmasken und -tests, aber auch Transfers für Skateboards oder Sport- und Kosmetikartikel. Bei einem flüchtigen Check unseres Equipments, das wir bei diesem Projekt eingesetzt haben, wurde ebenfalls noch einmal deutlich, wie viele Produkte Made in China wir selbst täglich nutzen. Für das Projekt sind das: die japanische Kamera, die nun auch in China produziert wird, die amerikanische Festplatte, Druckerpatronen, eine Video-Kamera, verschiedene Werkzeuge, Batterien und nicht zuletzt Schuhe und die Kleidung an unserem Körper. Auf dem Rückweg nach China sind oft viele Container noch leer.
2018 waren wir im Rahmen eines Künstleraustausches in Chongqing – quasi am Anfang der Neuen Seidenstraße. Ein Bild und eine Vorstellung davon zu haben, wie das »andere Ende« aussieht, die Stadt, in der der Zug beginnt, hilft nachzudenken über die weltweiten Verbindungen und Verknüpfungen. (Neben dem Zug aus Chongqing kommen auch Züge aus Xi‘an und anderen chinesischen Städten an). Eher per Zufall waren wir dort, wo Kleiderballen verpackt und von Tagelöhnern ohne Hilfsmittel transportiert wurden. Und in Paris sahen wir identische Pakete in den Straßen von Aubervilliers, wohin die chinesischen Mode-Großhändler aus dem Marais umgesiedelt wurden; womöglich ein Aspekt des Konzepts Grand Paris.
Mittlerweile ändern sich auch die Gewerbegebiete zwischen Duisburg und Dortmund: chinesische Firmen siedeln sich an, Amazon und andere internationale Unternehmen bauen immer neue und größere Logistikzentren; neue Terminals, die die Schiene mit der Straße und den Flüssen verbinden, werden geplant und gebaut, neue Gewerbegebiet entstehen da, wo jetzt noch Brachland ist.
Durch die neuen Unternehmen kommen neue Menschen ins Ruhrgebiet, andere sind schon da, mit chinesischen Produkten und chinesischen Menschen in Kontakt, mit China und Chines*innen im Austausch. Sie arbeiten auf den Terminals, die LKW- Fahrer auf den Straßen und Autobahnen kommen zum großen Teil aus Osteuropa. Duisburg wirbt damit, dass in Neudorf ein erstes Chinatown entsteht, Chines*innen studieren im Ruhrgebiet an den Universi-täten in Dortmund, Duisburg, Essen oder Bochum, sieben Städte haben Partnerstädte in China, erste Straßen und
Plätze werden nach diesen Städten benannt. Chinesische Namen und Begriffe werden sichtbarer Teil des Alltags. Und immer mehr Schulen unterrichten die chinesische Sprache ab der 5. Klasse, wie z.B. das Burg-Gymnasium in Essen oder das Max-Planck-Gymnasium in Duisburg-Meiderich.
Sorge macht, ob diese Annäherung politische Konsequenzen haben wird. Wie stark wird z.B. die Überwachung eine Rolle hier in Europa spielen, was an politischen Ideen wird von Europa übernommen, was wird Europa übergestülpt werden. Sorgen macht man sich um die europäischen Unternehmen: Wie kann ein globalisierter Handel in einer globalisierten Welt gerecht sein für alle. (Ein nicht weiter verfolgtes, aber nicht weniger interessantes Thema ist auch die Wanderung von Flora und Fauna zwischen den Kontinenten, welche neuen Arten sich ansiedeln und mit welchen Folgen.)
* Anm. März 2022: Wie fragil und anfällig die globalen Verbindungen immer noch sind, wird gerade, Anfang 2022, durch den Angriff Putins auf die Ukraine deutlich,
der sich direkt auf die Zugverbindung auswirkt.
Parallel zu den Schienen und Autobahnen im Ruhrgebiet verläuft die Emscher. An der Quelle in Holzwickede findet man ein Zitat des chinesischen Philosophen Konfuzius: »Die Weisen erfreuen sich am Wasser.« Für die Recherche blickten wir zurück auf die alte Seidenstraße, die Eroberungen und Schatzschiffe des Zheng He im 14. und 15. Jahrhundert, die deutsche Kolonialisierung von Tsingtao Ende des 19. Jahrhunderts, den Bau der Eisenbahn durch die Franzosen in Yunnan, die kulturellen Errungenschaften, die schon lange Zeit Teil auch unserer Kultur sind, wie z.B. das Porzellan, das Papier oder die Druckkunst. Die Emscher-Renaturierung ist wiederum auch ein Vorbild für andere Industrienationen: immer wieder kommen Delegationen, auch aus China, um sich zeigen zu lassen, wie mit Industrieabfällen und Wasserverschmutzung umzugehen ist.
Die ersten chinesischen Restaurants in Deutschland eröffneten übrigens 1929 in Berlin, im Ruhrgebiet waren es 1962 das Restaurant »Peking« in Bochum (das 2017 schließen musste) oder 1958 in Essen ein Restaurant auf der Rottstraße. Mittlerweile sind die Produkte, die in den Küchen genutzt werden, aus Asien importiert, das Essen ist authentischer als das deutsch geprägte ›chinesische Essen‹ noch in den 1980er oder 1990er Jahren.
Schon bei früheren Arbeiten wie z.B. You and Me, ein Projekt zwischen Bosnien, Deutschland und den USA und der Japanese Lesson war es uns wichtig, zu verdeutlichen, wie die auf der Welt zeitgleichen Ereignisse direkt und indirekt miteinander verbunden sind. In dem Komplex Cartographie Dynamique verknüpfen wir Städte und Projekte weltweit, die für uns miteinander verbunden sind.
Die Arbeit an diesem Projekt fand während der Corona-Pandemie statt. Ab März 2020 wurde die gegenseitige Abhängigkeit immer deutlicher: das Virus, das zuerst in China auftauchte und sich weltweit verbreitete, Produkte die fehlten, Masken, Tests und Schutzkleidung, die aus China importiert werden mussten; an verschiedenen Orten, die wir im Rahmen unseres Projekts aufsuchten, um dort zu fotografieren, waren Test- und Impfzentren entstanden. In Dortmund, nicht weit entfernt vom Phoenix See (das Stahlwerk, das dort einmal stand, ist in der Nähe von Shanghai wieder aufgebaut worden), waren die Veranstaltungsorte von Phoenix West wie z.B. der Tresor West geschlossen, die Warsteiner Music Hall wurde als Impfzentrum genutzt.
Und im Suezkanal blieb das Containerschiff Ever Given der Reederei Evergreen (einer internationalen Gesellschaft mit Sitz in Taiwan) liegen, blockierte für Wochen den Schiffs- und Warenverkehr. Die chinesische Plattform Alibaba beendet gerade den Bau ihres ersten Logistikzen-trums in Liège, in Georgien werden Tunnel für den auf Schienen verfrachteten Warenstrom von chinesischen Unternehmen gebaut, und auch auf türkischem Boden kommt seit Januar 2021 ein durchgehender Zug aus Xi’an in Istanbul an. Weitere Ziele von chinesischen Containerzügen sind Mannheim und natürlich Rotterdam. Immer wieder wird bewusst, wie weltweite Ereignisse mit jedem Einzelnen von uns zu tun haben. Diese persönliche Ebene, die Bedeutung globalen Handelns, die weltweiten Zusammenhänge sind zudem nicht zu trennen von zwischenmenschlichen Beziehungen.
Im Gegensatz zur Japanese Lesson, bei der das Gehen eine wesentliche Rolle spielte für das Entstehen fotografischer Bilder, ist die Fortbewegung im Ruhrgebiet noch immer durch das Fahren auf der Autobahn geprägt. Die längeren und kürzeren Strecken zwischen Holzwickede und Oberhausen, Dortmund und Bottrop, Bochum und Gelsenkirchen, Essen und Duisburg wären ohne Auto in dem von uns angesetzten Zeitraum gar nicht möglich; kurzfristige, spontane Fahrten auch in weit entlegenere Gegenden, Anfahrten für nächtliche Motive, sind eher kompliziert, wenn nicht unmöglich.
Die Autobahnen werden immer breiter, mehrspuriger, die rechte Spur ist quasi ununterbrochen, abstandslos von LKWs befahren, auch hier sieht man chinesische Schriftzeichen auf einigen der Container. Aber jetzt wissen wir auch, wie es hinter den Lärmschutzwänden der Autobahnen aussieht. Und wir kennen die Orte, an denen die Fahrer ihre LKWs parken und in ihren Kabinen oder in privaten PKWs leben und übernachten – auf Autobahnraststätten oder auch in abgelegenen Gegenden neben den Bundes- und Landstraßen.
Unser fortwährendes Unterwegssein, das Fahren auf der Autobahn, tagsüber, aber auch nachts, wird im Künstlerbuch sichtbar – als durchgehender Strang, als Rhythmus zwischen den einzelnen Orten, die wir aufgesucht hatten, den Menschen, die wir getroffen hatten – nur einmal unterbrochen für ein kurzes Durchatmen: einen Spaziergang mit dem Chinesen Hao Wen, der zum Studium der Fotografie an die Folkwang Universität nach Essen kam und mit dem wir zwischen der Emscher und dem Rhein-Herne-Kanal nahe dem Monument for a Forgotten Future zusammen gingen und dabei über Fotografie und die Verbindungen zwischen China und Europa sprachen. Der Ort war bewusst ausgewählt: Die Frage nach der Zukunft, den Prognosen für das Ruhrgebiet stellt sich – und die Fragen nach dem Danach, wie das Ruhrgebiet 2049 aussehen wird, wenn die neue Seidenstraße offiziell fertig sein soll; zudem ist es nicht weit vom Gasometer in Oberhausen entfernt, wo der Zug die Emscher überquert, wo ein Skatepark direkt an der Autobahn liegt und wo ein weiteres großes Test- und Impfzentrum entstanden war.
Neben Hao haben wir noch viele weitere Menschen getroffen. Zu einigen haben wir gezielt Kontakt gesucht, wie z.B. zu der jungen Mitarbeiterin, die am Trimodal Terminal in Duisburg arbeitet (und die wir in einem chinesischen Beitrag über den Hafen in Duisburg entdeckt hatten), oder zu ihrem Kollegen, der mit dem einem Transformer gleichenden Reachstacker gleich zwei Container transportieren kann. Zu den Lehrerinnen und Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums, zu Harry, dem Trainspotter, der uns bei YouTube Details über den Zug aus China berichtet und den wir an einem seiner liebsten ›Spots‹ trafen. Die Leiterin des Konfuzius-Instituts in Duisburg oder die Professorin an der Uni Münster, die in Bochum studierte und ihre Doktorarbeit zum Thema Chinesische Studierende in Deutschland schrieb. Die meisten der Porträts sind aber tatsächlich über persönliche Kontakte im engeren Bekanntenkreis entstanden, in unserem persönlichen Umfeld. Eine chinesische Kuratorin in Essen, die uns über chinesische Künstlerinnen berichtete (und deren Ehemann sehr früh für einen deutschen Konzern in China arbeitete); einen chinesischen IT-Fachmann aus Duisburg, den wir in einem Tee-Laden in Düsseldorf trafen; eine Expertin für Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen, die wir aus unserem Tai-Chi-Unterricht kennen; einen Textilingenieur, der hier für ein chinesisches Unternehmen arbeitet, das Denim- und Indigostoffe für den internationalen Markt produziert und der uns von einer engen Freundin vorgestellt wurde; Mitarbeiter*innen von chinesischen Restaurants, in denen wir während der Arbeit am Projekt gegessen haben und die ihr scharfes Chili aus Chongqing importieren; ein Skater, der für seine Boards Transfer-Folien aus China benötigt, da sie nicht mehr auf anderen Wegen lieferbar sind.
Am Ende unserer Reise haben wir einen kleinen Modellbahn-Container, der auf verschiedenen Fotografien eine Rolle spielt, an der Mündung der Emscher in den Rhein fallen lassen und ihn auf die Reise nach Rotterdam geschickt.