Emmanuel Mir: Zum Anfang hätte ich eine einfache, vielleicht banale Frage. Jeder von euch hat zwar ein eigenes Werk, aber ihr arbeitet zusammen unter dem Namen „BöhmKobayashi“. Wie seid ihr auf dem Namen gekommen?

Oliver Sieber: Bei dem ersten Heft, das wir gemeinsam produziert haben, waren wir auf der Suche nach einem Titel und es sollte nicht „Petra“ oder „Brigitte“ werden. „Frau Böhm“ ist ja ein ganz durchschnittlicher, deutscher Nachname und er gefiel uns. Als wir aber nach Japan gegangen sind und die Publikation vorgestellt haben, hat dies keiner verstanden, also kam „Kobayashi“ dazu, der dort ähnlich gewöhnlich wie Böhm in Deutschland ist. Als Pendant zu Frau Böhm haben wir ein Heft namens „Kobayashi San“ – also Herr Kobayashi – herausgegeben. Und dann kam es zur
Fusion zwischen beiden Namen. Wir würden den Teil gerne kürzen, dann ist am Ende mehr Platz für andere Inhalte…

Katja Stuke: Es gibt eine zu lange Vorgeschichte dafür. „Böhm/Kobayashi“ ist vor allem Name den wir für Publikationen und gemeinsame Projekte nutzen. Fast jedes gemeinsames Projekt beginnt erst einmal als Publikation oder besser: Künstlerbuch. Im zweiten Schritt überlegen wir dann, welche andere Form gut und notwendig für die jeweilige Arbeit ist.

EM: Ich würde gerne das Gespräch zunächst auf das Spannungsverhältnis zwischen individueller und kollektiver Autorschaft orientieren – und von einem konkreten Beispiel ausgehen. Könnt ihr über die Genese der „Japanese Lessons“ berichten?

KS: Die „Japanese Lessons“ hat mit einer Videoarbeit angefangen, bei der wir ein Großteil unseres gefundenen Fotomaterial in Japan verarbeitet haben. Da waren Fotos von Themen, die uns besonders interessierten oder überraschten. Im Laufe der Jahre ist eine Art Found-Footage-Mashup-Video entstanden, bei dem innerhalb von 5 bis 6 Minuten Hunderte von Bildern auf dem Betrachter prasseln. Die Überforderung ist programmatischer Bestandteil der Arbeit.

OS: 2005 waren wir zum ersten Mal in Japan. Wir waren uns sehr bewusst über die touristische Bilderfalle, in die man tappen kann und haben versucht, nicht die Motive zu fotografieren, die auch jeden anderen dort macht; so haben wir Bilder gesammelt und in eine Art Videocontainer geworfen – ohne das uns da schon klar war, dass wir uns zwölf Jahre lang damit beschäftigen würden. Im Laufe der Zeit ist die Auswahl an Motiven immer schärfer und präziser geworden. Anstatt wild zu sammeln setzen wir uns mit spezifischen Themen auseinander.

KS: Schon beim zweiten Aufenthalt hatte Oliver, der in Deutschland eine Serie über Skins, Mods und Teds angefangen hatte, eine genaue Idee von dem, was er in Osaka machen wollte. Und während er in die Subkulturen untertauchte und die Szenen aufsuchte, habe ich mich mit Bildern von Menschen in der Öffentlichkeit beschäftigt. So fing alles an.

EM: Ihr habt also am Anfang zwei individuelle Parallelprojekte verfolgt und nun haben sich die distinkte Vorgehen in einem einzigen vereint. Versteht ihr euch dann als Kollektiv?

KS: Als Duo zu arbeiten ist schon anders als ein 10-köpfiger Kollektiv, aber ich habe kein Problem mit der Bezeichnung. In Festivals und in Publikationen werden wir meistens als ein Solches präsentiert. Aber wie gesagt: mittlerweile arbeiten wir an gemeinsamen Projekten aber natürlich auch immer noch an individuellen Themen und Werken.

EM: Wie war der Prozess von der individuellen zu einer kollektiven Produktion?

KS: Ich glaube, dass es damit zu tun hat, dass uns im Laufe der Zeit immer mehr Themen gemeinsam interessierten und wir uns so angenähert haben. Wir haben uns zum Beispiel immer mehr mit dem japanischen Aktivismus beschäftigt, der in der Folge des Tsunami entstanden ist. Dabei gibt es unserer Auffassung nach eine Nähe zu den Musik-Subkulturen als auch zu den Thema der Öffentlichkeit. Wir waren auch ein Jahr nach Fukushima wieder in Japan und haben da Protestbewegungen aufgesucht, die sich gegen Atomkraft formierten. Durch diesen Kontakt zur dieser Gruppe sind wir in Berührung mit anderen Bewegungen gekommen, die eher ANTIFA-orientiert waren und den die u.a. Rassismus und Homophobie in Japan bekämpfen

OS: Darüber hinaus waren wir in Düsseldorf auch aktiv. Wir haben ziemlich schnell eine Initiative gefunden, die von einem Kurator ausging und japanische Künstler vor Ort unterstützt. Wir haben uns daran angeschlossen und verschiedene Aktionen organisiert, wie zum Beispiel eine Tombola im Malkasten. Es kam unheimlich viele Werkspenden zusammen, so dass wir bis 20.000€ sammeln konnten. Es ist immer die Angst, wenn irgendwo etwas passiert, dass gerade erst im Kulturbereich eingespart wird.

EM: Aber eure Zusammenarbeit unter einem Label beschränkt sich nicht nur auf Japan, oder?

KS: Nein es gibt verschiedene andere Arbeiten. Eine beschäftigt sich mit Filmdrehorte in den USA und so das vermeintlich bekannte in unserem bildnerischen Gedächtnis. Eine Arbeit mit dem Titel You and Me, beschäftigt sich mit den persönlichen Verbindungen zwischen Menschen auf rund von historisch, politischen Ereignissen. Bei Fax from the Library haben wir uns mit fotografischen Vorbildern und unterschiedlichen fotografischen Erscheinungsformen beschäftigt. Außerdem haben wir gemeinsam Ausstellungen kuratierten, wie z.B. die ANT!FOTO-Reihe, die
wir für den Kunstraum Düsseldorf konzipiert haben. Auch da haben wir auch Arbeiten von japanische Künstlerinnen und Künstlern. Die Kultur und das Land sind also sehr präsent in unserem Tun und das Verständnis von Fotografie und Japan hat uns auch schon geprägt. Vor allem war ANT!FOTO überhaupt eine eine Gelegenheit, Arbeiten von anderen zu zeigen. Nachdem uns wegen der Zines häufig Fotografinnen und Fotografen kontaktiert hatten, ob sie nicht auch einmal veröffentlich werden könnten, hatten zunächst einen virtuellen Ausstellungsraum geführt aus dem dann die ANT!FOTO Ausstellungen entstanden.

EM: Könnt ihr das Projekt kurz beschreiben?

KS: In Düsseldorf vermissten wir Positionen, die eine andere fotografische Strategie verfolgten, als die, die wir hier üblicherweise zu sehen bekamen. Uns fehlte vielleicht an sich Fotografie in Düsseldorf. Wir wollten Arbeiten zeigen, die eine breiteres Fotografie-Verständnis verdeutlichten, zum Beispiel Künsterinnen und Künstler, die mit Künstlerbüchern arbeiteten, die sich mit dem Dialog zwischen Fotografie und Video beschäftigten, die die Zukunft und die Form der Fotografie thematisierten und so weiter. Zwei Künstlerinnen arbeiteten mit ihrem Archiven gearbeitet, das sie als Location-Scouts in Berlin erstellt hatten. Das war keine explizite künstlerische Arbeit aber ein interessanter Aspekt, wenn man über Fotografie spricht. Es gab Arbeiten zu sehen von einem Mode-Fotografen, Fotografie, die z.B. über Dokumentarisches nachdenken ließ, und so weiter.

OS: Es ging darum, auch anders denkenden fotografischen Schulen als die hiesige zu zeigen. Für uns war es wichtig, diese Vielfalt der Fotografie zu zeigen. Daraus ist ANT!FOTO geboren worden.

EM: Die ANT!FOTO-Reihe ist ein abgeschlossenes Projekt. Wie sieht prinzipiell eure Zusammenarbeit konkret aus?

KS: Eigentlich immer unterschiedlich. Im Falle der Portraits der Japanese Lesson haben wir zunächst gemeinsam recherchieren und die Leute getroffen. Am Ende ist es meistens Oliver, der den Auslöser drückt. Für alle weitere Motive, fotografieren wir beide und diskutieren dann so lange, bis wir eine Wahl getroffen haben.

OS: Bei den Zines, mit denen unsere gemeinsame Arbeit begonnen hatte, hatten wir zunächst Arbeiten aus unseren beiden individuellen Archiven gegenübergestellt, und sie unter einem neuen Titel miteinander in Verbindung gebracht. Es gab auch mal ein Heft, in dem wir zwei Bilder des gleichen Motivs gegenüber gestellt hatten und so einen bestimmten Aspekt der Fotografie thematisieren konnten. Quasi eine Art Vergleich, den wir in der Frühphase unserer Publikationen vorgenommen hatten. So sind neue Sinnzusammenhängen oder assoziativen Ketten entstanden. Uns ist so klarer geworden, dass für uns ein sehr wichtiger Aspekt der Fotografie das Editieren und Gegenüberstellen von Motiven darstellt. Ein Foto, das allein steht, hat vielleicht eine bestimmte Bedeutung. Im Zusammenspiel mit anderen Motiven verändert sich die Lesart der Bildes und neue Sinnzusammenhänge entstehen.

EM: Ihr seid mit einem Projekt auf der Amsterdamer UNSEEN Messe eingeladen worden. Worum handelt es sich da?

KS: Wir waren letztes Jahr in Tokyo, Osaka und Yokohama und haben uns mit der politischen Landschaft dieser Städte beschäftigt. Nach vorherigen Recherchen hatten wir besonders diejenigen Stadtteile im Blick, deren Bewohner aus historischen Gründen immer noch mit Stigmatisierung und Diskriminierung zu tun haben. Bestimmte Areale sind außerdem vorwiegend von Arbeitslosen oder Tagelöhner bewohnt, die sozial geächtet sind. Wenn du dahin ziehst und es gar nicht weißt, kann es im schlimmsten Fall dazu führen, dass du einen Job nicht bekommst, oder den Partner deiner Wahl nicht heiraten darfst, weil dessen Familie dagegen ist.

OS: Deine Adresse oder der Beruf deines Vaters kann also immer noch über deine Zukunft bestimmen. Das kannst du nicht so einfach abschütteln. Ausgrenzung und Rassismus gibt es natürlich weltweit, diese spezifisch japanische Form war uns vorher nicht bekannt. Weil wir viel mit ANTIFA- oder Gender-Aktivisten gearbeitet haben, sind wir in diesen sozialen Kontext geraten, waren zum Beispiel auf Demos, die sich gegen den antikoreanischen Rassismus im Lande richtete. Die Lage ist dort nicht so friedlich, wie es von hier aus scheinen mag. Es gibt eine rechte Szene, die mit militärisch aufgemotzten Autos vor chinesischen oder koreanischen Geschäften Lärm macht und die Inhaber offen beschimpfen – und auch wenn die Regierung versucht, diese Entwicklung langsam unter Kontrolle zu kriegen, ist das immer noch legal.

KS: Wir hatten uns zwei Monaten für Recherche und deren Erkundung genommen. Fotografisch haben wir das so gelöst, dass wir um die Stadtteilen drum herum gewandert sind und in einem gleichmäßigen Rhythmus regelmäßig fotografiert haben.

OS: Wir wollten während dieser fast meditativen Spaziergängen auf den Grenzen einzelner Stadtteile herausfinden, was diese Grenzen ausmacht, quasi was ‚Inside‘ und was ‚Outside’ ist, ob man es sehen oder gar fühlen kann und ob es die Identität bestimmen kann, wo man lebt. Manche Walks haben zwei Stunden, andere den ganzen Tag gedauert, das heisst die Lichtverhältnisse ändern sich im Laufe eines Spaziergangs, wir mussten uns fotografisch also den Änderungen und Gegebenheiten anpassen.

EM: Heißt das, dass diese Bereiche ganz klar abgegrenzt sind und als solche zu erkennen sind?

KS: Nein, sie sind nicht immer so deutlich erkennbar. In manchen Stadtteilen unterscheiden sie sich durch nichts, in anderen sind sie von Flüssen gebildet und dadurch klar. Aber auch bei den offensichtlichen Grenzen, verstehst du nicht immer, was dahinter steckt.

OS: Es gibt zum Beispiel mitten in einem Business-Bezirk in Tokyo ein Riesenschlachthof, der als solche nicht so leicht identifizieren ist. Du hörst nichts, du riechst nichts, die Tiere werden nachts angeliefert. Das ist ein hermetischer Block, der sich hinter Mauern und Zäunen versteckt. Und die Metzger sind übrigens auch Opfer von Hate Speech.

KS: Bei der Arbeit haben wir zwangsläufig angefangen, über die Notion von Grenze nachzudenken. In den Filmen von Masao Adachi geht es oft um den Begriff der ‚Landscape Theorie’, also um die Prägung des Individuums durch sein physisches Milieus. Ich finde dieses Phänomen von wahrnehmbaren, aber nicht formell identifizierbaren Grenzen interessant.

OS: Und auch über die Notion von Identität müssten wir nachdenken, vor allem wenn diese so sehr an einem Ort gebunden ist. Du verlässt ja immer wieder einen Territorium und überschreitest mental irgendwelche Grenze.

EM: Jetzt verstehe ich bessere den Bezug zu Japan. Das ist zwar ein universelles Phänomen, aber die Konsequenzen dieser biographischen Grenzziehungen sind viel stärker spürbar als in Europa.

KS: Der Alltagsrassismus in Deutschland sieht nur wenig anders aus. Bei Situationen, in denen es sich um einen neuen Job oder um eine neue Wohnung handelt, wird hier auch auf dem Nachnamen bei der Vermietung geachtet. Man fragt dich zwar nicht, in welchem Stadtteil du wohnst, aber wenn du einen exotisch klingenden Namen hast, kriegst du die Wohnung wohlmöglich nicht. Das ist extrem frustrierend. Anderseits gibt es auch z.B. bei der Vergabe von Krediten eine Kategorisierungen die dich auf Grund deiner Wohnadresse niedriger einstuft. Also hier auch ist der Stadtteil ein Parameter deiner sozialen Akzeptanz.

EM: Ihr wart also nicht als Flaneurs unterwegs, sondern seid gezielt einer Route gegangen.

OS: Wir hatten einen gewissen Rhythmus. Die Route hatten wir aufgrund unserer Recherchen vorbestimmt und sind entlang dessen immer wieder angehalten um einzelne Motive festzuhalten. So sind ein Buch von 1260 Seiten ein paar große Tableaus mit jeweils 36 Bilder sowie einige Videos entstanden.

KS: Das Buch hat elf Kapiteln. Zu den Bildern gibt es noch ein Glossar, das als gedankliches Gerüst des Projektes gilt.

OS: Jede Form hat ihren eigenen Charakter; wir arbeiten gerade an der medialen Umsetzung. Dabei gehen wir auf die Spezifität der Formate ein. Das Buch blätterst du, so dass du mit einer Geste involviert bist, bei den Video bekommt der Walk eine linearere Struktur und beim Tableau bist du wieder in einem Lesesystem von links nach rechts. Das sind alle Überlegungen, die wir integrieren müssen.

KS: Das ist ein wesentlicher Punkt an der fotografischen Praxis, die uns interessiert. Das fotografische Bild kennt heutzutage eine Menge an Aggregatzuständen, ob also Objekte gerahmt an der Wand, projiziert, auf Monitoren, in Buchform, als Installation; geprintet, kopiert, etc. Auch die Frage nach dem Original, oder der Form des Originals ist wesentlich. Zudem bleiben viele Fotos mittlerweile auf den SD-Karten, im Computer oder auf dem Handys stecken und bekommen nie ein quasi haptische Form.

OS: Das hatten wir ja auch bei ANT!FOTO und dem ANT!FOTO-Manifest thematisiert: in welcher Form existiert Fotografie, wie unterscheiden sich die verschiedenen Formen der Fotografie inhaltlich und formal, wie verändert sich Fotografie und wie nutzen wir die Fotografie.

EM: Warum müsste es für dieses Projekt speziell das Buch als Medium sein? Gerade mit Projektionen hättet ihr eine filmische Ebene erreichen können, die den Rhythmus der Wanderungen entspricht. Aber ihr habt euch für einen schweren, schlecht handelbaren Brocken aus Papier entschieden.

KS: Ich mag die Idee einer Projektion aber die Frage bleibt immer: Was bleibt dann am Ende der Ausstellung? Was kann ich mitnehmen? Wenn die Arbeit ausgeschaltet ist, dann ist sie eben nicht mehr da.

OS: Bei Projektionen entzieht sich das Bild immer wieder deiner Aufmerksamkeit und wird von einem anderen Bild ersetzt. Das ist interessant und wir entwickelt gerade, in welchem Rhythmus und Tempo das in diesem Fall geschehen soll. Bei einer anderen gemeinsame Arbeit – Fax from the Library – hatten wir genauso gearbeitet, und in dem Fall auch noch mit Sound gearbeitet.

KS: Wir überlegen gerade, wie wir die Struktur des Buchs, die elf Kapitel, in eine Ausstellungsform übertragen können. Für uns ist ein Projekt nicht an einem Medium gefesselt; vielmehr wird das Medium an den ‚Vermittlungsmodus’ – also die jeweilige Form, den jeweiligen Moment oder die Ausstellung – angepasst.